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Medienbildung im internationalen Vergleich – Japan vs. Deutschland

Einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen ist immer eine gute Idee, und so war ich sehr froh im Rahmen des Deutsch-Japanischen Studienprogramms Einblicke in die medienpädagogische Situation auf der anderen Seite des Globus gewinnen zu können. Ausgehend von der Situation in Deutschland, ist die eigene Perspektive natürlich von der hiesigen Situation geprägt. Wir haben insbesondere in den letzten Pandemie-Jahren eine stark voranschreitende Digitalisierung in verschiedenen Lebensbereichen erfahren:

Bild: Robo Wunderkind

Videokonferenzen und Online-Unterricht selbst in Institutionen wie Schule Einzug halten müssen, welche zuvor eher durch sehr geringe Einbindung auffielen. Denn obwohl fast jeder Jugendliche zumindest Zugang zu Smartphone (oder ein eigenes Gerät) hat, kann weder in der Ausstattung der Schulgebäude noch die Vermittlung von Medienkompetenzen in den Curricula mit der Entwicklung auch nur ansatzweise schritthalten. Nach und nach kommen aber auch in deutschen Schulen und öffentlichen Einrichtungen immer mehr mobile Endgeräte an. Oft macht dann gleich eine weitere Baustelle in der Digitalisierung unserer Gesellschaft bemerkbar: Neben den Endgeräten braucht es natürlich auch geschultes Personal, was über technische Kompetenzen benötigt, um diese zu bedienen, aber auch die Fähigkeit kritisch mit Medien umzugehen und sie selbstbestimmt zu nutzen, um an der Gesellschaft teilzuhaben und all dies dann auch zielgruppengerecht vermitteln zu können.

Umso interessanter ist es daher, zu schauen, wie es andere Länder machen. In Vorträgen und Diskussionsrunden erfuhren wir im Rahmen des Studienprogramms mehr über den Stand in Japan, wie zum Beispiel, dass im Rahmen der Pandemie das Land es zügig schaffte, allen Schülerinnen und Schülern für das pandemiebedingte Homeschooling ein Tablet bereitzustellen und in infolgedessen ein System aufbaut, in dem die Lernenden über ein zentrales Netzwerk Kontakt mit Lehrkräften und Altersgenossen aufnehmen können. Beeindruckend, insbesondere im Vergleich zu unserem Bildungswesen: Hier gab es nur vereinzelte Initiativen den jungen Menschen im Homeschooling Geräte zur Verfügung zu stellen, die den Zugang zum Onlineunterricht erst ermöglichen, und nicht wenige dieser Aktionen waren von administrativen und technischen Problemen gezeichnet. Ich erinnere ich gut an meinen ersten Onlineworkshop mit einer Schulklasse aus Berlin. Einige Kinder aus einkommensschwachen Haushalten hatten dafür iPads von der Schule bekommen. Nun saßen sie ohne fachkundige Begleitung mit Geräten zu Hause, deren Betriebssystem für komplett neu war. Außerdem waren die Zugriffsrechte derart beschränkt, dass sie nicht einmal einen PDF-Reader installieren konnten, um die Arbeitsblätter zu öffnen. Soviel zu digitaler Bildung in deutschen Schulen. Heute sind diese Leihgeräte schon längst wieder aus den Schulen verschwunden, um wieder in gewohnter Art und Weise unterrichten zu können.

Aber in einer Nation wie Japan, in dem alle Schülerinnen und Schüler innerhalb kürzester Zeit mit Endgeräten versorgt werden können, die viel moderne Kommunikationstechnik produziert und in der es sogar Robo-Kellner gibt, da wird Medienbildung doch bestimmt ein ganz automatisch selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.

Doch ich stellte fest, so einfach ist es nicht. Denn mit schnellen und weitreichenden Digitalisierungsprozesse sind medienpädagogische Impulse nicht einfach mitgewachsen. Was Medienbildung, angeht, steht auch in japanischen Bildungseinrichtungen eine eher besorgten und vorsichtige Perspektive auf Neue Medien der Fokus auf die Vermeidung von Gefahren und der Aufklärung der jungen Menschen über Risiken und Probleme. Dieser Fokus scheint aber zu eng gesetzt, denn auch dort gibt es viele medienbezogene Phänomene, für deren Umgang den Kindern und Jugendlichen die nötigen Kompetenzen fehlen: Zum Beispiel Cybermobbing, Reinfallen auf Fake News, und Suchtverhalten werden daher zum Problem. Es arbeiten daher engagierte Pädagogen und Pädagoginnen daran, dies zu ändern und treten für Medienbildung ein, die mehr zu bieten hat und auch kreativen Ausdruck, Spaß, Teamwork und achtsamen Medienkonsum vermittelt und aktuelle Herausforderungen aufgreift. Ich war verblüfft, wie ähnlich die Situation zu der in Deutschland ist.

Es ist vielleicht wie beim Mythos des Digital Natives – eine weitreichende Digitalisierung und das Aufwachsen mit digitalen Medien bringt nicht automatisch Medienkompetenz beim Einzelnen oder ein Bewußtsein für die Wichtigkeit von Medienbildung für die gesamte Gesellschaft mit sich. Der Umgang mit neuen Kulturtechniken will gelernt sein, und deshalb muß technologischer Fortschritt stets von Bildung begleitet werden, die uns ermöglicht, die Nachteile und Gefahren der neuen Technologien zu händeln, und vor allem ich Vorteile und Chancen zu nutzen, um besser miteinander kommunizieren zu können, um kulturellen und wirtschaftlichen Mehrwert zu erschaffen, aber auch um sich selbst auszudrücken, und sich im Sinne unsere demokratischen Grundwerte an der Gesellschaft beteiligen zu können.

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Gamification vs. Spielebasiertes Lernen

Zum spielenden Lernens gibt es mittlerweile eine kaum noch überschaubare Bandbreite von Konzepten und Angeboten. Insbesondere der Begriff Gamification tauch oft auf, wenn es um Lernspiele geht. Allerdings hat Gamification mit Bildungs-Rollenspielen deutlich weniger zu tun, als man zunächst annehmen würde.  

Entscheidend bei spielerischen Lernformaten ist die Unterscheidung von Gamification auf der einen Seite und Game-Based-Learning, also spielbasiertem Lernen inklusive Bildungsrollenspielen auf der anderen. Das sind quasi die beiden Pole, zwischen denen es auch verschiedene Mischtypen geben kann.

Ein Doppelpfeil mit zwei Enden. An einem Ende steht "Gamification", am anderen Ende steht "Spielebasiertes Lernen"

Gamification

Gamification bedeutet, dass Spielelemente in Kontexten genutzt werden, die eigentlich nichts mit dem Spiel zu tun haben. Es geht vor allem darum, wenig unterhaltsam wahrgenommenen Lerninhalte motivierender zu gestalten. Beispielsweise werden spieltypische Mechanismen verwendet, wie Highscores oder das „Freischalten“ weiterer Spieloptionen (Level, Werkzeuge, Waffen…) durch das erfolgreiche Lösen von Aufgaben. Spaß wird in diesem Ansatz als Belohnung für erfolgreiche Lernarbeit eingesetzt, und ist nicht als Teil des Lernprozesses vorgesehen. 

Lernende bzw. die Spielenden werden dabei nicht Teil von fiktiven Spielwelten und übernehmen keine Rollen, sondern bleiben mental im hier und jetzt und in ihrer eigenen Perspektive. Deshalb werden gamifiziere Lernprozesse oft auch nicht als Spiel definiert, weil sie zwar Spielmechaniken enthalten, aber wichtige spielerische Grundelemente fehlen.

Im Gegensatz zu spielebasierten Ansätzen wie Rollenspiele und Serious Games wird also  fiktiven Handlungsraums kreiert, in dem sich die Spielenden ausprobieren können. Es gibt keine Story, keine Rollenübernahme, und so tauchen die Lernenden natürlich nicht geistig in die Spielwelt ein, es gibt keine Immersion, kein selbst-vergessenes Spiel in dem fiktiven Szenario, wie wir es beim Rollenspiel kennen.

Bei Gamifizierten Lernformen handelt sich um ein Lernerlebnis mit Spielelementen und nicht um ein Spiel. Solche „spielifizierten“ Lernerlebnisse werden gelobt für ihre motivierende Wirkung und werden zunehmend in der Bildung genutzt.  Ganz unproblematisch ist es aber nicht: Der pädagogisch aufbereitete Grundzug des Spiels kann sehr wohl jungen Menschen negativ auffallen, was schnell zu Frust und Desinteresse führt. Gerade Jugendliche merken sehr gut, was der eigentliche Zweck des “Spiels” ist. Daher können gamifizierte Methoden das große Potenzial des spielerischen Lernens oft nicht voll ausschöpfen und der Lerneffekt fällt deutlich weniger nachhaltig aus, als bei spielebasierten Ansätzen.

Gamification basiert auf Belohnungen für erwünschtes Verhalten der Lernenden, und arbeitet daher vor allem mit extrinsischer Motivation. Die Motivation der Lernenden ist dabei darauf ausgerichtet, sich Neues nur deshalb anzueignen, um die dafür winkende Belohnung zu bekommen. Dabei besteht die Gefahr, dass sobald Belohnung entfällt, bei den Lernenden in der Regel auch kein Antrieb mehr besteht, sich noch weiter mit dem Thema zu befassen.

Im ungünstigsten Fall bekommen wir am Ende Broccoli mit Schokoladenguss. Der unangenehme Lernauftrag wird „versüßt“ durch Spielelemente, bleibt aber im Kern doch immer noch genauso wenig ansprechender Broccoli. 

Eine Zeichnung von einem Broccoli, der teilweise mit Schokolade übergossen wurde.
Broccoli mit Schokolade – eine Metapher für das Verstecken von Lerninhalten unter spaßig anmutenden Spielelementen

Die Kombination von zwei unpassenden Elementen kann beide ruinieren: Die Schokolade werden wir mit Broccoli nicht mehr genußvoll vernaschen können, und auch schokolierter Broccoli wird uns nicht mehr im sonst schmackhaften Auflauf schmecken.

Spielebasiertes Lernen

Im Gegensatz dazu steht der Ansatz des spielebasierten Lernens: Dabei wird ein Spiel als Medium genutzt, um den Lernprozess in Gang zu setzten. Meist stehen dabei bestimmte Kompetenzen oder einzelne Themen im Fokus, auf die das Spiel abzielt, statt komplette Lernpakete vermitteln zu wollen.  Beispielsweise Bildungs-Liverollenspiele  und Serious Games entsprechend einem spielebasierten Ansatz: Das Erlebnis des Spielens bleibt Mittelpunkt der Konzeption, wird aber um pädagogisch relevante Zielstellungen, Themen, und Impulse, wie zum Beispiel der Reflektion angereichert. Der Fokus liegt also klar, auf dem Lern- bzw. Spielprozess selbst, statt auf dem bloßen Ergebnis.

Spielebasierte Methoden schaffen es so, die großen Potenziale des Spiels in Lernprozesse einzubinden: Sie schaffen authentische Lernerlebnisse, in denen Menschen´von eigenen Ideen und Interesse geleitet neues Lernen, sie fördern damit auch intrinsische Motivation, also den Antrieb von sich selbst heraus neue Dinge zu lernen. Insbesondere Liverollenspiele bieten hoch interaktive Erfahrungsräume in denen die Spielenden lang anhaltende Lernerfahrungen machen können.

Fazit

Das soll nicht bedeuten, dass gamifizierte Ansätze in der Tonne landen sollten. Allerdings ist es nicht empfehlenswert, einem beliebigen Lerninhalt eine Spielsystem überzustülpen, in der Hoffnung, dass das Lernen nun automatisch Spaß machen wird. Deshalb sollten Spielelemente und Lerninhalt immer auf aufeinander abgestimmt werden, um ein stimmiges und rundes Lernerlebnis zu schaffen.

Mehr dazu:

Matthew Farber über Serious Games

https://www.edutopia.org/blog/serious-games-not-chocolate-broccoli-matthew-farber

Myriel Balzer über Larp als Lernmethode

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Stammtischparolen Teil 2: Wie du in hitzigen Debatten einen kühlen Kopf behältst

Gespräche mit Stammtischparolen neigen dazu emotional, persönlich oder unfair zu werden. Aber keine Panik! Es gibt ein paar einfache Strategien, wie du dich in diesen Situationen trotzdem gut behaupten kannst:

Eine gelassene Haltung bewahren

Das wichtigste ist, deine eigene Gelassenheit zu bewahren. Finde deine persönliche Strategie, um kühlen Kopf zu behalten. Hier ein paar Ideen:

Kenne deine Triggerpunkte: Welche Situationen findest du besonders anstrengend oder nervig? Sind es Nörgler und Besserwisser, die das letzte Wort haben müssen, oder sind es Wichtigtuer, die mit ihrem Dominanzverhalten das Gespräch an sich reißen? Mach dir klar, worauf du empfindlich reagierst, damit du in so einer Situation bewusst gegensteuern kannst.

Denn sonst riskierst du selbst zu einer besonders emotionalen Gegenreaktion. Insbesondere empfindsame oder sehr Menschen mit ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kann so ein Gespräch schnell aufwühlend werden. Es droht eine komplette Denkblockade, wegen der du kaum noch ein gutes Argument herauskriegst und in Diskussion unterliegst. Typischerweise fallen dir dann erst hinterher die besten Argumente ein. 

Das Ziel ist, eine selbstbewusste Haltung zu behalten und so den verbalen Angriff stoppen zu können.

Wie kann das gelingen?

  1. Emotionale Distanz schaffen durch neu bewerten:

Versuche Angriff nicht als bedrohlich betrachten, bewerte die Situation stattdessen um, sodass sie dir keine schlechten Gefühle macht z. B. sieh es nicht als anstrengende Diskussion, sondern als Möglichkeit zum Training in Gelassenheit.

  1. Nicht persönlich nehmen 

Beziehe die Kommentare deines Gegenübers nicht komplett auf dich. Denke an seinen/ihren persönlichen Hintergrund und überlege, woher z.B. Frust oder Unsicherheit deines Gegenübers stammen könnten.

  1. Positive Gedankenbilder

Überlege ein paar kurze Sprüche, die dir helfen runterzukommen und dich aufbauen. Zum Beispiel “Ich bestimme, wer mich ärgern darf“, oder “Ich bin gelassen, selbstbewußt und gut informiert…”. All das ist natürlich Übungssache, je öfter du diese Methoden anwendest, desto besser klappt es!

Was auch hilft: Eine Mini-Pause machen, bevor du reagierst. Es reichen schon 3-4 Sekunden. Bleib dabei präsent z. B. nimm Schluck Wasser oder hol einmal tief Luft.

Dein eigener Anspruch 

Setze deinen Anspruch an dich nicht zu hoch. Vielleicht hast du den Anspruch, den Sprücheklopfer überzeugen zu wollen. Aber Menschen lieben es recht zu haben und mögen fast nie sich einzugestehen, wenn sie sich geirrt haben

Außerdem wirkt euer Gespräch nach. Wahrscheinlich hat dein Gegenüber seine Thesen schon sehr lange im Kopf. Auch wenn Person es in dem Moment nicht zugibt, regen deine Argumente sie womöglich zum Nachdenken an.

Auch auf die Umstehenden wirkt eure Diskussion, sie bilden sich ebenfalls ihre Meinung und sehen dich vielleicht als Vorbild. Nicht zuletzt zeigt dein Einschreiten auch, dass herabwürdigende Sprüche nicht ok sind.

Was hilft dir am besten ruhig zu bleiben, wenn die Diskussion mal hitzig wird?

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Stammtischparolen Teil 1: Warum sich Gegenrede lohnt

Hier gibts die Audio-Fassung zum Thema ,,In hitzigen Diskussion Stammtischparolen und unfaire Angriffe gelassen kontern“

Kennst du das auch?

Du bist bei der Weihnachtsessen mit der Familie, eigentlich ist ein recht entspannter Abend. Und dann läßt Onkel Gustav wieder platte Stammtisch-Sprüche los.: „Den Flüchtlingen kann es nicht so schlecht gehen, alle haben Smartphones.“ Eigentlich möchtest du einen gemütlichen Abend verbringen, aber du kannst das auch nicht so stehen lassen. Also läßt du dich auf eine Diskussion ein, versuchst seine herablassenden Sprüche zu kontern. Aber: Das ist gar nicht so leicht. Eure Diskussion wird schnell hitzig, dein Gesprächspartner scheint dir kaum zuzuhören und irgendwie wollen dir einfach spontan einfach keine treffenden Argumente einfallen. Am Ende beharrt er auf seinen Parolen und fühlt sich im Recht. Der Rest der Runde ist eher genervt und die Stimmung am Tisch wird angespannt. Selbst auf dem Heimweg fühlst du dich frustriert und aufgewühlt.  Erst jetzt fallen dir richtig gute Entgegnungen ein. 

„Hätte ich bloß nichts gesagt!“ Denkst du dir vielleicht oder: „Was kann ich beim nächsten Mal besser machen?

Ich glaube wir alle haben diese oder ähnliche Situationen schon erlebt: Ob im Familienkreis, auf der Weihnachtsfeier oder Pausenraum mit Kollegen.

Sprüche wie diese nennen wir ,,Stammtischparolen”. Was genau ist damit gemeint?

Das sind pauschale Bemerkungen über ganze Menschengruppen, welche klischeehafte oder abfällige Urteile basierend ihrer Sexualität, Geschlecht, Religion, migrantischen Wurzeln fällen. Oft sprechen diese Parolen von einem meist nicht genauer definierten ,,Wir” das gegen die  ,,Anderen” steht. Ein ganz typisches Beispiel ist: ,,Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg”.

Woran erkennst du Stammtischparolen?

  • Sie funktionieren nach dem Motto “Wir gegen die”
  • Die Parolen bedienen gängige Vorurteile und Klischees
  • Ideologie der Ungleichheit: Die Grundidee ist, dass Menschen oder Menschengruppen mehr wert sind als andere.
  • Gerade in Zeiten von Corona werden sie oft auch mit Verschwörungstheorien verbunden.
  • Sie sind emotional und drastisch formuliert, das kann Ärger oder Angst hervorrufen.

Parolen dieser Art fallen aber längst nicht nur am Stammtisch, sondern können uns an allen geselligen Anlässen begegnen. Besonders schwierig wird es, wenn es Menschen sind, zu denen wir eine emotionale Bildung haben, die diese Sprüche vorbringen. Dann haben wir eine schwierige Wahl: Widersprechen und eine unbequeme Diskussion vom Zaun brechen oder lieber gar nichts sagen und den Frieden wahren?

Warum es besser ist den Mund aufzumachen

Ja, es lohnt sich, sich einzumischen. Warum? Hier sind drei gute Gründe:

Für dich

Es lohnt sich allein schon für dich selbst. Denn es ist kein gutes Gefühl, herablassende Parolen, die gegen unsere wichtigsten Werte gehen, widerspruchslos zu ertragen. Wegen deines Stillschweigens fühlst dich feige und hast ein schlechtes Gewissen. Das zehrt am Selbstbewusstsein.

Für uns alle

Denn da ist noch der größere Rahmen: ,,Wer schweigt stimmt zu “ heißt es nicht von ungefähr. Der Sprücheklopfer fühlt bestätigt, wenn niemand in der Runde Einspruch erhebt, und Anwesende gewöhnen sich daran, dass diskriminierende Sprüche, außerdem finden Ausgrenzung und Vorurteile immer mehr Verbreitung.

Soziale Vielfalt, Toleranz, die Idee, dass alle Menschen gleich viel wert sind – Das ist die Basis für unsere freie Gesellschaft. Genau diese gerät ins Wanken, wenn Erzählungen von Ungleichheit und Ausgrenzung immer mehr Raum in unserer Mitte einnehmen.

Opferschutz

Die drastischen Sprüche setzen sich in Köpfen fest und lassen die Idee von der Ungleichwertigkeit der Menschen immer normaler erscheinen. Das baut Hemmungen ab und ebnet den Weg für entsprechende Taten, aktive Ausgrenzung und Übergriffe auf vermeintliche Sündenböcke und Feindbilder. Deshalb kannst schon mit verbalen Einschreiten kannst du helfen potenzielle Opfer zu schützen.

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Kessel, Katz‘ und Hexenbesen – Die wahre Geschichte hinter unserem Bild von Hexen

Nicht nur zu Halloween begleitet uns diese Idee von Hexen. Aber woher kommt die Vorstellung? Und was hat die Märchenhexe mit der Bierindustrie zu tun?

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Die typischen Hexensymbole stammen aus Berufsgruppe, die eigentlich wenig mit Magie und übernatürlichen Wirken zu tun hatte: Den Ale-Brauerinnen des Mittelalters. Brauen war ursprünglich fast ausschließlich Frauensache.

Und auch was die äußerliche Erscheinung angeht, haben die Brauerinnen auffallend viel mit der Hexe aus Märchen und Sagen gemeinsam:

Der spitze Hexenhut:

In der Regel verkauften die Frauen ihre Ware selbst. Im dichten Marktgedränge trugen sie einen spitzen Hut, um besser gesehen zu werden.

Der Kessel:

Der Kessel war das wichtigste Werkzeug der Ale-Brauerinnen. Gerne stellten sie zu Werbezwecke auch einen Braukessel vor ihren Marktstand.

Der Besen:

Wenn ein frisches Faß Ale fertig war, lehnten oder befestigten die Brauerinnen mit einem Ladengeschäft einen Besen an ihrer Tür, um den Kunden verfügbare Ware zu signalisieren.

Die Katze

Katzen waren tatsächlich beliebte Haustiere, aber nicht als Gehilfe oder Hexentier. Getreide war der wichtigste Rohstoff für die Bierproduktion. Daher war eine Katze im Haus sehr nützlich, um die kostbaren Vorräte vor Nagern zu schützen.

Ob als Haupteinkommen oder Zuverdienst neben dem Einkommen des Mannes, oder nur für den Eigenbedarf. Viele Frauen verstanden sich auf die Kunst Ale zu brauen, eine hopfenlose Biersorte. Für viele Alleinstehende Frauen und Witwen war das Brauen und Verkaufen von Bier eine Möglichkeit sich auch ohne Ehepartner einen eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Gut bezahlt war die Arbeit aber nicht, denn damals war Bier brauen im Gegensatz zu heute jedoch nicht besonders angesehen und schlecht bezahlt.

Von der Brauerin zur Hexe

Das änderte sich mit den Pestepidemien, welche die Bevölkerung Europas drastisch ausdünnte. Die Braukunst gewann an Status und ermöglichte ein gutes Auskommen. Nun drängten auch männliche Braukollegen auf den Markt.

Zu dieser Zeit sorgte aber auch die Reformation für eine Verbreitung deutlich strengerer Vorstellung in Geschlechterrollen. Eigenständige Frauen, und Frauen die einen Gutteil ihrer Zeit nicht mit Kind und Haushalt zubrachten wurden zunehmend kritisch betrachtet. Auch die Idee von Hexerei und die Verfolgung vermeintlicher Hexen griff in Europa immer mehr um sich. Gerade alleinstehende Brauerinnen genossen wenig Ansehen und gerieten schnell unter Verdacht. Einige männliche Brauer nutzen diese Chance einen Wettbewerbsvorteil zu ergattern und beschuldigten Konkurrentinnen der Hexerei. Die Gerüchte verbreiteten sich schnell, und die Braukunst wurde ein zunehmend gefährliche Tätigkeit für Frauen. Der Verdacht auf Hexerei konnte schnell zu Ausgrenzung, Verhaftung oder Hinrichtung führen. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde in England das Brauen den Frauen sogar gesetzlich untersagt, weil man sich sorgte, dass sie Frauen durch die Arbeit „verdorben“ könnten und ihre ehelichen Pflichten vernachlässigen würden.

So wurde die mittlerweile recht lukrative Branche immer mehr zu Männerdomäne und ist es bis heute geblieben. Auch unsere Märchenhexe hat bis heute noch viele Charakteristika der Ale-Brauerinnen behalten.

Die Macht der Narrative

Das Beispiel zeigt gut, wie willkürliche Narrative Ausgrenzung und Verfolgung beflügeln, und welch tiefgreifende und langfristige Wirkung sie auf unsere Ideen, Vorstellungen und Diskurse entfalten können. Also laßt uns vielleicht beim nächsten Bier auch auf die vergessene Tradition weiblicher Braukunst anstoßen, und bei klischeehaften Zuschreibungen etwas kritischer Hinsehen, ob hinter dem neuesten Gerücht, dem geteilten Post oder dem reißerischen Nachrichtenartikel nicht eine politische Agenda steckt.

Mehr zu der Geschichte der Ale-Brauerinnen gibt es im sehr empfehlenswerten A Mighty Girl- Blog.