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Medienbildung im internationalen Vergleich – Japan vs. Deutschland

Einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen ist immer eine gute Idee, und so war ich sehr froh im Rahmen des Deutsch-Japanischen Studienprogramms Einblicke in die medienpädagogische Situation auf der anderen Seite des Globus gewinnen zu können. Ausgehend von der Situation in Deutschland, ist die eigene Perspektive natürlich von der hiesigen Situation geprägt. Wir haben insbesondere in den letzten Pandemie-Jahren eine stark voranschreitende Digitalisierung in verschiedenen Lebensbereichen erfahren:

Bild: Robo Wunderkind

Videokonferenzen und Online-Unterricht selbst in Institutionen wie Schule Einzug halten müssen, welche zuvor eher durch sehr geringe Einbindung auffielen. Denn obwohl fast jeder Jugendliche zumindest Zugang zu Smartphone (oder ein eigenes Gerät) hat, kann weder in der Ausstattung der Schulgebäude noch die Vermittlung von Medienkompetenzen in den Curricula mit der Entwicklung auch nur ansatzweise schritthalten. Nach und nach kommen aber auch in deutschen Schulen und öffentlichen Einrichtungen immer mehr mobile Endgeräte an. Oft macht dann gleich eine weitere Baustelle in der Digitalisierung unserer Gesellschaft bemerkbar: Neben den Endgeräten braucht es natürlich auch geschultes Personal, was über technische Kompetenzen benötigt, um diese zu bedienen, aber auch die Fähigkeit kritisch mit Medien umzugehen und sie selbstbestimmt zu nutzen, um an der Gesellschaft teilzuhaben und all dies dann auch zielgruppengerecht vermitteln zu können.

Umso interessanter ist es daher, zu schauen, wie es andere Länder machen. In Vorträgen und Diskussionsrunden erfuhren wir im Rahmen des Studienprogramms mehr über den Stand in Japan, wie zum Beispiel, dass im Rahmen der Pandemie das Land es zügig schaffte, allen Schülerinnen und Schülern für das pandemiebedingte Homeschooling ein Tablet bereitzustellen und in infolgedessen ein System aufbaut, in dem die Lernenden über ein zentrales Netzwerk Kontakt mit Lehrkräften und Altersgenossen aufnehmen können. Beeindruckend, insbesondere im Vergleich zu unserem Bildungswesen: Hier gab es nur vereinzelte Initiativen den jungen Menschen im Homeschooling Geräte zur Verfügung zu stellen, die den Zugang zum Onlineunterricht erst ermöglichen, und nicht wenige dieser Aktionen waren von administrativen und technischen Problemen gezeichnet. Ich erinnere ich gut an meinen ersten Onlineworkshop mit einer Schulklasse aus Berlin. Einige Kinder aus einkommensschwachen Haushalten hatten dafür iPads von der Schule bekommen. Nun saßen sie ohne fachkundige Begleitung mit Geräten zu Hause, deren Betriebssystem für komplett neu war. Außerdem waren die Zugriffsrechte derart beschränkt, dass sie nicht einmal einen PDF-Reader installieren konnten, um die Arbeitsblätter zu öffnen. Soviel zu digitaler Bildung in deutschen Schulen. Heute sind diese Leihgeräte schon längst wieder aus den Schulen verschwunden, um wieder in gewohnter Art und Weise unterrichten zu können.

Aber in einer Nation wie Japan, in dem alle Schülerinnen und Schüler innerhalb kürzester Zeit mit Endgeräten versorgt werden können, die viel moderne Kommunikationstechnik produziert und in der es sogar Robo-Kellner gibt, da wird Medienbildung doch bestimmt ein ganz automatisch selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.

Doch ich stellte fest, so einfach ist es nicht. Denn mit schnellen und weitreichenden Digitalisierungsprozesse sind medienpädagogische Impulse nicht einfach mitgewachsen. Was Medienbildung, angeht, steht auch in japanischen Bildungseinrichtungen eine eher besorgten und vorsichtige Perspektive auf Neue Medien der Fokus auf die Vermeidung von Gefahren und der Aufklärung der jungen Menschen über Risiken und Probleme. Dieser Fokus scheint aber zu eng gesetzt, denn auch dort gibt es viele medienbezogene Phänomene, für deren Umgang den Kindern und Jugendlichen die nötigen Kompetenzen fehlen: Zum Beispiel Cybermobbing, Reinfallen auf Fake News, und Suchtverhalten werden daher zum Problem. Es arbeiten daher engagierte Pädagogen und Pädagoginnen daran, dies zu ändern und treten für Medienbildung ein, die mehr zu bieten hat und auch kreativen Ausdruck, Spaß, Teamwork und achtsamen Medienkonsum vermittelt und aktuelle Herausforderungen aufgreift. Ich war verblüfft, wie ähnlich die Situation zu der in Deutschland ist.

Es ist vielleicht wie beim Mythos des Digital Natives – eine weitreichende Digitalisierung und das Aufwachsen mit digitalen Medien bringt nicht automatisch Medienkompetenz beim Einzelnen oder ein Bewußtsein für die Wichtigkeit von Medienbildung für die gesamte Gesellschaft mit sich. Der Umgang mit neuen Kulturtechniken will gelernt sein, und deshalb muß technologischer Fortschritt stets von Bildung begleitet werden, die uns ermöglicht, die Nachteile und Gefahren der neuen Technologien zu händeln, und vor allem ich Vorteile und Chancen zu nutzen, um besser miteinander kommunizieren zu können, um kulturellen und wirtschaftlichen Mehrwert zu erschaffen, aber auch um sich selbst auszudrücken, und sich im Sinne unsere demokratischen Grundwerte an der Gesellschaft beteiligen zu können.

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